Tägliche Archive: 23. Mai 2014


Bin ich transsexuell? – Woran du das merkst (und woran eher nicht) 55

Bin ich transsexuell?Woran erkenne ich, dass ich transsexuell bin? Mein erster Artikel bei im-falschen-koerper.de ist gleichzeitig einer der schwierigsten.

Ich schreibe heute über ein paar Indizien und den einzigen Weg, die richtige Antwort zu finden.

Als erstes werde ich dich vielleicht ein bisschen enttäuschen und deine Erwartungen dämpfen.

Wenn du über eine Suchmaschine genau bei dieser Frage hier gelandet bist, hast du es vielleicht in den anderen Ergebnissen schon gelesen: Leider kann dir das niemand von außen beantworten. Keine Ärztin, kein Therapeut, weder deine Eltern noch deine besten Freunde. So etwas beantwortet auch kein Test, wo du etwas ankreuzen musst.

Indizien

Es gibt eine ganze Reihe von „Indizien“, die man oft in Lebensläufen von Transsexuellen findet. Typisch sind:

  • Ich wollte als Kind keine Kleider tragen.
  • Ich habe immer mit Puppen gespielt.
  • Ich war nie ein typisches Mädchen/nie ein typischer Junge.
  • Alle haben immer gesagt, an mir ist ein Junge verloren gegangen.
  • Usw.

Das sind wirklich bloß Indizien. Es gibt eine ganze Menge nicht transsexuelle Menschen, die das Gleiche sagen. Lass dich nicht in einen „Ich war schon immer viel transsexueller als du“-Wettbewerb hineinziehen.

Ich find’s völlig in Ordnung, „ich hatte/war ja schon immer …“ zu sagen. Aber lass dich nicht davon verunsichern, wenn du so etwas nicht sagen kannst. Ich hatte nie ein Problem mit Kleidern und meine Brüder haben gerne mit Puppen gespielt.

Wenn das so also nicht geht: Wie findet man heraus, dass man transsexuell ist?

Da gibt’s eigentlich nur eine Möglichkeit. Bauchgefühl.

Aber bevor ich das erkläre, noch eine Überlegung.

Stell dir mal vor, du wärst ganz alleine auf der Welt.

Halt mal kurz inne, bevor du weiterliest. Stell es dir wirklich mal vor.

Wenn du ganz allein auf der Welt wärst, welches Geschlecht hättest du dann? Oder wäre es dann sowieso egal? Würdest du etwas an dir verändern wollen?

Bauchgefühl

Wow, allein darüber könnte man Bücher schreiben. Einmal die Kurzfassung:

Der Bauch ist der Sitz deiner Gefühle. Und darum geht es ja bei Transsexualität: um ein Gefühl, das niemand von außen beweisen kann.

Wie gut kommst du mit deinem Bauchgefühl aus? Kennst du es und vertraust ihm? Oder kannst du es nicht so gut spüren? Fängst du sofort an, nachzudenken, wenn ich dich jetzt frage: Wie geht es dir? Denkst du darüber nach oder spürst du es?

Ob du männlich oder weiblich oder etwas dazwischen bist oder dich geschlechtlich überhaupt nicht einordnest, kann keine Kopfentscheidung sein. Der Verstand hat da nichts zu suchen, der kennt eh nur, was er sieht und was auf deiner Geburtsurkunde steht. Versteh mich nicht falsch: Dein Verstand ist ein guter Berater und absolut unverzichtbar, aber dir zu sagen, was du fühlst und ob du transsexuell bist oder nicht, geht weit über seine Kompetenz.

Wie du dich selber aushältst

Vielleicht gehörst du zu denen, die sich selber nicht gut aushalten können und mit ihrem Bauchgefühl gar nicht in Kontakt treten können. Das geht am besten mit ein paar Minuten Ruhe und einer Hand auf dem Bauch. Wenn du die Hand mal hierhin, mal dorthin legst, merkst du bald, wo du dich am besten spüren kannst.

Kennst du dein Bauchgefühl und kannst es nicht wirklich „festhalten“, entgleitet es dir nach Sekunden? Oder sogar nach dem Bruchteil einer Sekunde? Erst einmal: Schön, dass du es schonmal ein bisschen spüren kannst. :-) Wirklich.

Dich zu spüren, ist ganz einfach eine Übungssache. Wenn du für den Bruchteil einer Sekunde deine Gefühle wahrnehmen kannst – gut. Vielleicht geht es nächstes Mal eine Millisekunde länger. Und dann noch eine Millisekunde. Das ist okay. Wichtige Dinge brauchen Zeit.

Welches Geschlecht habe ich beim Zähneputzen?

Die Frage klingt natürlich absichtlich ein bisschen absurd. Ich habe sie mir ein Jahr lang gestellt.

Natürlich ohne sie so auszuformulieren, sonst wäre mir schon früher aufgefallen, auf welchem Trip ich da bin.

Nachdem ich plötzlich der Frage „Bin ich transsexuell?“ nicht mehr ausweichen konnte, fing ich an, meine Gefühle auf Schritt und Tritt zu überprüfen. So etwas fragt man sich schließlich nicht alle Tage, und die Antwort war so wichtig. Ich habe mich männlich gefühlt, ganz tief drinnen in meinem Bauchgefühl. Aber das musste sorgfältig geprüft werden! Also habe ich es geprüft – beim Spazierengehen, in der Vorlesung, beim Sex, beim Treffen mit Freunden, beim Zähneputzen.

Und dann Panik geschoben, wenn ich mich mal nicht eindeutig männlich gefühlt habe. Vielleicht stimmte das alles doch nicht?

Was für ein Schwachsinn. Beim Zähneputzen ist mir mein Geschlecht mal so was von wuppe, was hat das denn damit zu tun?

Geschlecht ist nicht in jeder Situation wichtig. Wichtig ist es in sozialen Interaktionen: wenn wir mit Freunden zusammen sind, wenn wir auf der Straße angesprochen werden, wenn wir mit Partner oder Partnerin intim sind. (Okay, selbst da ist es nicht andauernd wichtig, aber auf jeden Fall eher als beim Zähneputzen.)

 

Soziale Zusammenhänge sind also am besten, um sich das zu fragen. Aber auch Momente, wo du mit dir alleine bist, wenn du dich fragen kannst, wie du dich unabhängig von allen anderen und dem ganzen sozialen Kram fühlst. Fantasien sind auch ein guter Ort dafür.

Fantasien

Tagträume sind ein guter Ort, um aus der Realität zu flüchten, wenn diese allzu harsch ist. Mit wem identifizierst du dich in Tagträumen? Das kann ein Indiz sein.

Ja, auch dieser Abschnitt enthält Indizien. Immerhin kann sich jede_r sich mal als Frau und mal als Mann vorstellen. Aber wenn du dir immer wieder Geschichten ausdenkst, in denen du dich mit dem anderen Geschlecht identifizierst, und das auch in deinen sexuellen Fantasien tust, dann ist das schon ein starkes Indiz.

 

Und das war’s mit diesem Artikel. Eine kurze Zusammenfassung:

  • Indizien: geschlechtsuntypisches Verhalten (nicht aussagekräftig), Fantasien (schon aussagekräftiger).
  • Wie wär das, wenn du ganz allein auf der Welt wärst?
  • Bauchgefühl, Bauchgefühl, Bauchgefühl.

 

Einen sehr schönen Beitrag zum Thema „Finde heraus, wer du bist“ gibt es übrigens bei transsexuell.de.

 

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