weißnicht


Woran merke ich, dass mein Kind (Partner, …) transsexuell ist? 6

Ist mein Kind/mein Partner/meine Freundin/… transsexuell? Eine Hilfestellung für Angehörige, die sich besonders an Eltern richtet.

Leider war der Text supersperrig zu lesen, als ich immer zwischen „sie“ und „er“ wechselte. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, heute mal nur von „ihm“ zu sprechen. Trotzdem gilt natürlich alles auch für alle anderen!

Woran merke ich, dass XY transsexuell ist?

XY sei „mein Kind“, „mein Partner“, „meine Arbeitskollegin“, „irgendjemand“. Die Frage hat laut meiner Statistik schon einige Besucher auf diese Seite gebracht. (Keine Sorge – ich sehe nicht, wer sucht, nur ab und zu die Suchbegriffe.) Wenn du durch eine ähnliche Frage hergefunden hast, stellst du dir vermutlich eine dieser Fragen:

  1. Ist dieser Mensch transsexuell?
  2. Wie kann ich erkennen, ob er trans* ist?
  3. Wie spreche ich meinen Freund, meinen Sohn, meinen Mann darauf an, ob er trans* ist?
  4. Wie signalisiere ich meinem Kind, dass ich für es da bin?
  5. Wohin kann ich mich als Angehöriger wenden, wenn der Mensch nicht darüber reden möchte?

In diesem Artikel erzähle ich dir, wie ich – als Transmann und Berater – das sehe. Das Folgende ist also nur als Denkanstoß zu verstehen – wenn du anderer Meinung bist, freuen sich außer mir bestimmt auch andere Besucher über deinen Kommentar!

Ich unterscheide grob zwischen zwei Fällen: Fall Nr. 1 – Die Person ist ein Bekannter von dir, also niemand, der dir richtig nahe steht. Du bist neugierig oder ein bisschen besorgt, aber fühlst dich nicht wirklich betroffen und deine Sorge um ihn geht nicht sehr tief. Fall Nr. 2 – Die Person ist dein Angehöriger, Freund, Partner. In diesem Fall hast du vielleicht ein bisschen Angst – um ihn und eure Beziehung zueinander.

Fall Nr. 1: Er ist dein Bekannter

  • Sprich Bekannte lieber direkt an als hinter ihrem Rücken rumzufragen oder gar Gerüchte zu verbreiten.
  • Wenn du es ansprichst, lass dem betreffenden Menschen die Chance, sich ohne Blamage einer Antwort zu verweigern. Sag so etwas wie „Du brauchst nicht zu antworten, falls ich dir zu nahe trete“ – und mein das dann auch so.
  • Du wirst es über Spekulationen wohl nicht herausfinden. Ich weiß, dass das Thema unheimlich spannend sein kann und es bestimmt auch sehr interessant wäre, ein Geheimnis herauszufinden: Hat deine Professorin einen ausgeprägten Adamsapfel? Hat dein Lehrer nicht viel zu kleine Hände für einen Mann? – Solche kleinen Hinweise zu finden ist vielleicht lustig, aber in 98 % der Fälle gibt es eine unspektakuläre Erklärung. Die meisten körperlichen „Auffälligkeiten“, die Transsexuelle haben, haben auch ganz viele andere.
  • Falls du eine sehr ehrliche Person bist, die anderen durch ihre Offenheit hin und wieder auf die Füße tritt: deine Ehrlichkeit kann bestimmt erfrischend sein. Aber Transsexualität ist ein schwieriges, oft schmerzhaftes Thema. Wenn du wenig Fingerspitzengefühl hast und es um jemanden geht, den du kaum kennst – z. B. einen Kollegen, Mitschüler oder Kommilitonen – frag dich vorher, ob dir die Antwort wirklich so wichtig ist, dass du jemanden mit der Frage verletzt. Wir haben selten Anspruch auf die Wahrheiten eines anderen.
  • Zu guter Letzt: Es ist meistens besser, direkt zu fragen, als hinter dem Rücken der Person Gerüchte zu verbreiten oder andere Leute zu fragen: „Ist der mal ’ne Frau gewesen?“ – Mal abgesehen davon, dass ich von dieser Formulierung dringend abrate.

Fall Nr. 2: Die Person steht dir nahe

Wenn es um dein Kind, Elternteil, deinen Partner oder deine Partnerin oder um gute Freunde geht, kannst du die Sache natürlich nicht so einfach abhaken.

Ich würde dir empfehlen, das Thema vorsichtig anzuschneiden, wenn es sich bei diesem wichtigen Menschen um einen Freund handelt. Denn auch hier gilt: lieber ansprechen als andere Leute in Verschwörungstheorien und dergleichen zu verwickeln.

Vorausgesetzt, dein (guter/bester) Freund ist trans*:

Gute Freunde und Bekannte, die mit mir über meine Transsexualität sprechen, drucksen am Anfang ziemlich viel herum. Sie wollen mich mit ihren Formulierungen nicht verletzen und sind deshalb besonders rücksichtsvoll. Das finde ich genau richtig so, denn gerade wenn ihr noch nie darüber gesprochen habt, weißt du noch nicht, welche Ausdrucksweisen dein Freund gut annehmen kann und welche ihm wehtun. Bei „[früher] mal ’ne Frau“ könnte ich persönlich nämlich die Wände hoch gehen. Das erfährt man allerdings nur, wenn man mich fragt!

Ob es allgemeingültige, immer-harmlose Formulierungen gibt, weiß ich nicht. Du kannst die Tür für ein Gespräch öffnen, indem du von einem transsexuellen Arbeitskollegen oder dergleichen erzählst und so zeigst, dass du mit dem Thema gelassen umgehst; oder indem du dich selber öffnest und etwas aus deiner Gefühlswelt preisgibst. So wird es vielleicht leichter für deinen Freund, sich dir anzuvertrauen – nicht unbedingt jetzt, aber irgendwann.

Bei Verwandten, Partnern und wenn du vermutest, dass er/sie sich noch selber orientiert:

Wenn du das Thema direkt ansprichst, macht dein Sohn, Freund oder Mann vielleicht dicht, weil er sich selber noch gar nicht sicher ist. Oder möglicherweise will er im Augenblick noch nicht darüber sprechen.

Du möchtest ihm mitteilen, dass du ihn nicht drängen wirst, aber für ihn da bist?

Versuch’s mal damit, von dieser Reportage neulich zu reden, in der es um Transsexualität ging. Bleib bei dem Thema und geh nicht über zu „Also, wenn du mir was sagen willst, dann …“ (Du willst ja nicht drängen, weißt du noch?) Drück dein Mitgefühl mit dieser Person in der Reportage/dem Zeitungsartikel/dem Buch aus und dein Verständnis für sie.

Meinen Gesprächen mit anderen Trans*leuten zufolge wünschen viele sich das am meisten: so wissen wir, dass das Thema für unsere Lieben kein Tabu ist, kein schreckliches Albtraumszenario.

(Einen ähnlichen Tipp gibt die Seite Eltern im Netz im Zusammenhang mit lesbischen und schwulen Kindern:)

Wenn Sie glauben, Ihr Kind könnte homosexuell sein und es nicht direkt fragen möchten, könnten Sie über einen Umweg das Gespräch auf eine lesbische Kollegin oder einen schwulen Schauspieler bringen und dabei signalisieren, dass Homosexualität für Sie nichts Unnormales ist und dass die sexuelle Neigung eines Menschen für Sie keine Bedeutung für den Charakter hat. […] Wenn Ihr Kind weiß, dass Homosexualität für Sie kein Tabuthema ist und spürt, dass Sie ihm wirklich helfen möchten, ist es eher bereit, sich Ihnen mitzuteilen.

Im Augenblick ist die Vorstellung für dich aber ein Albtraumszenario?

Nö, ich halte dich jetzt nicht für einen Unmenschen. Du machst dir vermutlich große Sorgen, hast Angst vor dem zum größten Teil unbekannten Thema und womöglich auch vor den Reaktionen eurer Mitmenschen. Für dich und die Person, um die es dir geht, ist es sicherlich das Beste, wenn du dich erst einmal in Ruhe informierst und dir eventuell auch Unterstützung holst.

Viele Eltern, aber auch Partner und Freunde melden sich in Foren an, in denen normalerweise Transsexuelle schreiben. Meistens sind sie stille Mitleser.

Hol dir ruhig auch professionelle Unterstützung – wenn du kein Geld hast, such dir eine Beratungsstelle (s. u.) und wenn dich die Situation stark mitnimmt oder alles etwas zu viel ist, zahlt die Krankenkasse Psychotherapie. Du brauchst mit deinen Sorgen nicht alleine dazustehen und verringerst so das Risiko, dem anderen Menschen das Gefühl zu geben, dass er für dein Wohlgefühl verantwortlich wäre.

Tipps speziell für Eltern: Was tun, wenn mein Kind trans* ist?

Falls du direkt bis zu dieser Überschrift runtergescrollt hast: schau auch nochmal rauf, unter „Fall Nr. 2: Die Person steht dir nahe“ stehen Hinweise, die dich auch betreffen.

Diese Broschüre von Queerformat ist toll; in ihr erzählen Eltern vom Coming-out ihrer schwulen, lesbischen, bisexuellen und eben auch transsexuellen Kinder.

Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Eltern homosexueller Kinder nehmen in aller Regel auch Eltern von transsexuellen Kindern gut auf. Sie führen zwar oft nur „lesbisch“ und „schwul“ im Titel, sind aber trotzdem wichtige und kompetente Anlaufstellen. Als Elternteil kannst du hier auch etwas Essenzielles erfahren: Du hast nichts falsch gemacht.

Falls du nicht weißt, wohin du dich (als Elternteil) wenden kannst, ist eine Beratungsstelle wie pro familia oder das schwul-lesbische Zentrum deiner Stadt ein erster Anlaufpunkt.

 

Was ist mit dir: Hast du andere Tipps für spätere Leser? Oder hast du Fragen an mich? Wenn du selber trans* bist: wie hättest DU gerne, dass Leute mit ihrer Frage „Woran merke ich, dass XY transsexuell ist“ umgehen?


Bin ich transsexuell? – Woran du das merkst (und woran eher nicht) 59

Bin ich transsexuell?Woran erkenne ich, dass ich transsexuell bin? Mein erster Artikel bei im-falschen-koerper.de ist gleichzeitig einer der schwierigsten.

Ich schreibe heute über ein paar Indizien und den einzigen Weg, die richtige Antwort zu finden.

Als erstes werde ich dich vielleicht ein bisschen enttäuschen und deine Erwartungen dämpfen.

Wenn du über eine Suchmaschine genau bei dieser Frage hier gelandet bist, hast du es vielleicht in den anderen Ergebnissen schon gelesen: Leider kann dir das niemand von außen beantworten. Keine Ärztin, kein Therapeut, weder deine Eltern noch deine besten Freunde. So etwas beantwortet auch kein Test, wo du etwas ankreuzen musst.

Indizien

Es gibt eine ganze Reihe von „Indizien“, die man oft in Lebensläufen von Transsexuellen findet. Typisch sind:

  • Ich wollte als Kind keine Kleider tragen.
  • Ich habe immer mit Puppen gespielt.
  • Ich war nie ein typisches Mädchen/nie ein typischer Junge.
  • Alle haben immer gesagt, an mir ist ein Junge verloren gegangen.
  • Usw.

Das sind wirklich bloß Indizien. Es gibt eine ganze Menge nicht transsexuelle Menschen, die das Gleiche sagen. Lass dich nicht in einen „Ich war schon immer viel transsexueller als du“-Wettbewerb hineinziehen.

Ich find’s völlig in Ordnung, „ich hatte/war ja schon immer …“ zu sagen. Aber lass dich nicht davon verunsichern, wenn du so etwas nicht sagen kannst. Ich hatte nie ein Problem mit Kleidern und meine Brüder haben gerne mit Puppen gespielt.

Wenn das so also nicht geht: Wie findet man heraus, dass man transsexuell ist?

Da gibt’s eigentlich nur eine Möglichkeit. Bauchgefühl.

Aber bevor ich das erkläre, noch eine Überlegung.

Stell dir mal vor, du wärst ganz alleine auf der Welt.

Halt mal kurz inne, bevor du weiterliest. Stell es dir wirklich mal vor.

Wenn du ganz allein auf der Welt wärst, welches Geschlecht hättest du dann? Oder wäre es dann sowieso egal? Würdest du etwas an dir verändern wollen?

Bauchgefühl

Wow, allein darüber könnte man Bücher schreiben. Einmal die Kurzfassung:

Der Bauch ist der Sitz deiner Gefühle. Und darum geht es ja bei Transsexualität: um ein Gefühl, das niemand von außen beweisen kann.

Wie gut kommst du mit deinem Bauchgefühl aus? Kennst du es und vertraust ihm? Oder kannst du es nicht so gut spüren? Fängst du sofort an, nachzudenken, wenn ich dich jetzt frage: Wie geht es dir? Denkst du darüber nach oder spürst du es?

Ob du männlich oder weiblich oder etwas dazwischen bist oder dich geschlechtlich überhaupt nicht einordnest, kann keine Kopfentscheidung sein. Der Verstand hat da nichts zu suchen, der kennt eh nur, was er sieht und was auf deiner Geburtsurkunde steht. Versteh mich nicht falsch: Dein Verstand ist ein guter Berater und absolut unverzichtbar, aber dir zu sagen, was du fühlst und ob du transsexuell bist oder nicht, geht weit über seine Kompetenz.

Wie du dich selber aushältst

Vielleicht gehörst du zu denen, die sich selber nicht gut aushalten können und mit ihrem Bauchgefühl gar nicht in Kontakt treten können. Das geht am besten mit ein paar Minuten Ruhe und einer Hand auf dem Bauch. Wenn du die Hand mal hierhin, mal dorthin legst, merkst du bald, wo du dich am besten spüren kannst.

Kennst du dein Bauchgefühl und kannst es nicht wirklich „festhalten“, entgleitet es dir nach Sekunden? Oder sogar nach dem Bruchteil einer Sekunde? Erst einmal: Schön, dass du es schonmal ein bisschen spüren kannst. :-) Wirklich.

Dich zu spüren, ist ganz einfach eine Übungssache. Wenn du für den Bruchteil einer Sekunde deine Gefühle wahrnehmen kannst – gut. Vielleicht geht es nächstes Mal eine Millisekunde länger. Und dann noch eine Millisekunde. Das ist okay. Wichtige Dinge brauchen Zeit.

Welches Geschlecht habe ich beim Zähneputzen?

Die Frage klingt natürlich absichtlich ein bisschen absurd. Ich habe sie mir ein Jahr lang gestellt.

Natürlich ohne sie so auszuformulieren, sonst wäre mir schon früher aufgefallen, auf welchem Trip ich da bin.

Nachdem ich plötzlich der Frage „Bin ich transsexuell?“ nicht mehr ausweichen konnte, fing ich an, meine Gefühle auf Schritt und Tritt zu überprüfen. So etwas fragt man sich schließlich nicht alle Tage, und die Antwort war so wichtig. Ich habe mich männlich gefühlt, ganz tief drinnen in meinem Bauchgefühl. Aber das musste sorgfältig geprüft werden! Also habe ich es geprüft – beim Spazierengehen, in der Vorlesung, beim Sex, beim Treffen mit Freunden, beim Zähneputzen.

Und dann Panik geschoben, wenn ich mich mal nicht eindeutig männlich gefühlt habe. Vielleicht stimmte das alles doch nicht?

Was für ein Schwachsinn. Beim Zähneputzen ist mir mein Geschlecht mal so was von wuppe, was hat das denn damit zu tun?

Geschlecht ist nicht in jeder Situation wichtig. Wichtig ist es in sozialen Interaktionen: wenn wir mit Freunden zusammen sind, wenn wir auf der Straße angesprochen werden, wenn wir mit Partner oder Partnerin intim sind. (Okay, selbst da ist es nicht andauernd wichtig, aber auf jeden Fall eher als beim Zähneputzen.)

 

Soziale Zusammenhänge sind also am besten, um sich das zu fragen. Aber auch Momente, wo du mit dir alleine bist, wenn du dich fragen kannst, wie du dich unabhängig von allen anderen und dem ganzen sozialen Kram fühlst. Fantasien sind auch ein guter Ort dafür.

Fantasien

Tagträume sind ein guter Ort, um aus der Realität zu flüchten, wenn diese allzu harsch ist. Mit wem identifizierst du dich in Tagträumen? Das kann ein Indiz sein.

Ja, auch dieser Abschnitt enthält Indizien. Immerhin kann sich jede_r sich mal als Frau und mal als Mann vorstellen. Aber wenn du dir immer wieder Geschichten ausdenkst, in denen du dich mit dem anderen Geschlecht identifizierst, und das auch in deinen sexuellen Fantasien tust, dann ist das schon ein starkes Indiz.

 

Und das war’s mit diesem Artikel. Eine kurze Zusammenfassung:

  • Indizien: geschlechtsuntypisches Verhalten (nicht aussagekräftig), Fantasien (schon aussagekräftiger).
  • Wie wär das, wenn du ganz allein auf der Welt wärst?
  • Bauchgefühl, Bauchgefühl, Bauchgefühl.

 

Einen sehr schönen Beitrag zum Thema „Finde heraus, wer du bist“ gibt es übrigens bei transsexuell.de.

 

Wie bist du hier gelandet? Wie hat dir der Artikel gefallen? Über welche Themen möchtest du in Zukunft etwas lesen?