Zum Thema Autogynophilie

Der Begriff Autogynophilie begegnet mir in letzter Zeit immer häufiger. Da sich diese Idee in einigen Kreisen also (wieder?) zu verbreiten scheint, gibt’s einen kurzen Artikel von mir dazu – mit wissenschaftlichen Quellen! Alle paar Monate melden sich Transfrauen bei mir mit der Sorge, sie würden sich ihr Trans*-Sein nur vorgaukeln und seien stattdessen autogynophil. (Keine Sorge, ich spreche hier nicht über einzelne Personen!)

Auto-was?

Autos bedeutet selbst; gyne ist die Frau; philos heißt lieben. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem dunklen Zeitalter, in dem Crossdressing das Interesse der Psychoanalyse auf sich zog. Er bezeichnete den Umstand, dass manche Männer sich von der Vorstellung erregt fühlten, sich als Frau zu kleiden. (Hier ist also die Rede von Männern, die sich grundsätzlich auch als Mann empfinden, und damit spielen, sich zeitweise als Frau zu zeigen.) Das gleiche Phänomen wurde später aber auch bei Cisfrauen gefunden: Eine Studie stellte bei 93 % der untersuchten Cisfrauen mittels des üblichen Fragebogens Autogynophilie fest, bei sehr vorsichtiger Interpretation immer noch 28 % (Moser, 2009). Bei Transfrauen fand Lawrence (2012) ähnliche Zahlen.

Was bedeutet das jetzt?

Autogynophilie bedeutet also: Petra gefällt es, wenn sie sich beim Masturbieren ihren eigenen, weiblichen Körper vorstellt. Denisa macht es an, dass sie eine Frau ist, wenn sie sich Sex vorstellt. Mehr isses nich. (Wenn ihr eigene Beispiele für das Gefühl habt, umso besser, schreibt’s in die Kommentare oder direkt an mich, dann kann ich das hier ergänzen!)

Was hat das mit mir zu tun, wenn ich trans* bin?

Nichts. Eigentlich.

Warum rede ich dann trotzdem darüber? Weil es leider doch eine Rolle spielt: Und zwar, weil manche meiner Klientinnen Angst haben, nicht tatsächlich trans* zu sein und/oder in ihrer Identität von Fachleuten nicht ernst genommen zu werden. Entweder kreisen Ideen im Internet – oder ein Therapeut / eine Ärztin richtet sich sehr, sehr genau nach dem DSM-5. Das DSM-5 ist eine Klassifizierung psychischer Störungen, die manche Therapet*innen und Ärzt*innen benutzen, und es zählt die Autogynophilie zur „Transvestitischen Störung“ (Falkai et al., 2018, S. 967). Dabei grenzt es die Autogynophilie von der Geschlechtsdysphorie (= Transsexualität) ab (Falkai et al., 2018, S. 628). Das klingt dann ein bisschen so, als könnte man ja vielleicht nur auf den Gedanken stehen, eine Frau zu sein, und wäre vielleicht gar nicht trans* und hätte immer noch keine Lösung für dieses schreckliche Gefühl … Das ist natürlich brutal verunsichernd.

Zur Beruhigung: In den nächsten Jahren werden die meisten Fachleute anfangen, die ICD-11 zu benutzen – eine Klassifikation von einem Spektrum zwischen Krankheit und Gesundheit, wo Transsexualität als „Geschlechtsinkongruenz“ nicht mehr zu den psychischen Störungen zählt (World Health Organization, 2018, Abschn. HA60) und Transvestitismus meines Wissens gar nicht mehr aufgeführt wird. Die allermeisten Therapeut*innen sind heutzutage eh ziemlich entspannt, was Trans*-Phänomene angeht, und suchen nicht nach alternativen Erklärungen.

Die Wissenschaft über Autogynophilie – Zusammenfassung

Die medizinische Leitlinie zu Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit bringt den aktuellen Forschungsstand auf den Punkt: „Das Konzept ist empirisch unzureichend begründet, steht den Perversionstheorien nahe und wird kritisch diskutiert“ (Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, 2019, S. 20). Es spricht also rein gar nichts dafür, das Phänomen für die Diagnose auch nur annähernd zu berücksichtigen.

Soll heißen: Wer sich von der Vorstellung/dem Fakt/…, eine Frau zu sein, erregt fühlt, kann trans* sein oder auch nicht, das hat nix mit der Diagnose zu tun. Das darf so sein, und ist völlig normal, wenn wir uns die Zahlen oben anschauen (über 90 % …!?).

Artikel aktualisiert am 21. März 2020

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung. (2019). Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. AWMF online. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/138-001l_S3_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_2019-02.pdf

Falkai, P., Wittchen, H.-U., Döpfner, M., Gaebel, W., Maier, W., Rief, W., Saß, H., Zaudig, M., & American Psychiatric Association (Hrsg.). (2018). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5® (2. korrigierte Auflage, deutsche Ausgabe). Hogrefe.
[Stichwort: Autogynäphilie]

Lawrence, A. A. (2012). Confronting autogynephilia. In A. A. Lawrence, Men trapped in men’s bodies (S. 55–71). Springer New York. https://doi.org/10.1007/978-1-4614-5182-2_4

Moser, C. (2009). Autogynephilia in women. Journal of Homosexuality, 56, 539–547. https://doi.org/10.1080/00918360903005212

World Health Organization. (2018). HA60 Gender incongruence of adolescence or adulthood. In ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics. https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http%3a%2f%2fid.who.int%2ficd%2fentity%2f90875286

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